Auf einen Blick
- Zeitgewinn wird erst greifbar, wenn auch Prüfung, Nacharbeit und Übergaben betrachtet werden.
- Entlastung, zusätzliche Kapazität und bessere Qualität sind unterschiedliche Ziele, die eine bewusste Entscheidung brauchen.
- Ein brauchbarer Versuch misst eine Verbesserung gemeinsam mit möglichen Belastungen an anderer Stelle.
Nehmen wir ein erfundenes Beispiel: Eine Ärztin braucht für den Entwurf eines Dokuments mit KI zehn Minuten weniger. Für sich genommen ist das erfreulich. Offen bleibt, ob sie dadurch früher nach Hause geht, mehr Zeit für ein Gespräch hat oder am Ende lediglich zehn Minuten früher auf die nächste Freigabe wartet. Alle drei Verläufe passen zu derselben Zahl.
Diese Unterscheidung beschäftigt mich als Arzt und Gründer von aiomics. KI wird häufig dort vorgeführt, wo ihre Leistung unmittelbar sichtbar ist: Ein Text entsteht, eine Zusammenfassung liegt vor, eine Frage wird beantwortet. Der wirtschaftliche und menschliche Nutzen entsteht über einen längeren Weg. Er hängt davon ab, was mit dem Ergebnis geschieht und wer anschließend noch Arbeit daran hat.
Deshalb würde ich bei einem neuen Vorhaben früh festhalten, wofür die gewonnene Zeit gedacht ist. Eine solche Entscheidung klingt klein. Sie verändert jedoch die Auswahl des Einsatzgebiets, die Erfolgsmessung und die Erwartungen der Menschen, die später damit arbeiten sollen.
Der Aufwand reicht über den Entwurf hinaus
Bleiben wir bei dem erfundenen Dokument. Der Entwurf geht schneller. Die Ärztin muss aber weiterhin die Angaben prüfen, fehlende Informationen beschaffen und das Dokument freigeben. Vielleicht wird die Prüfung leichter, weil Belege übersichtlich zugeordnet sind. Vielleicht wird sie aufwendiger, weil ein längerer Text zusätzliche Behauptungen enthält. Die eingesparte Schreibzeit beantwortet diese Frage noch nicht.
Zur Betrachtung gehören deshalb mindestens der Weg zum Entwurf und der Weg vom Entwurf zum verwendbaren Ergebnis. Auch Übergaben zählen: Wer muss nachfragen? Wer korrigiert? Wie lange bleibt etwas liegen? Eine Abteilung kann ihre eigene Bearbeitungszeit verkürzen und gleichzeitig bei einer anderen zusätzliche Arbeit auslösen.
Ein Feldexperiment von Eleanor Dillon und Kolleg:innen liefert einen interessanten Anhaltspunkt. Es untersuchte den Einsatz generativer KI bei Wissensarbeiter:innen. Veränderungen zeigten sich vor allem bei Tätigkeiten, die Einzelne selbst anpassen konnten. Die Zeit in Besprechungen änderte sich dagegen nicht wesentlich. Das ist kein Beleg über deutsche Krankenhäuser. Es zeigt eine wichtige Grenze: Die Veränderung gemeinsamer Arbeitsabläufe folgt eigenen Bedingungen. [1]
Für die Einführung würde ich daraus eine konkrete Aufgabe ableiten: Zeichnen Sie den vollständigen Ablauf auf eine Seite. Markieren Sie die Stelle, an der KI helfen soll, und die Stelle, an der ein fertiges Ergebnis tatsächlich benötigt wird. Liegen beide weit auseinander, verdienen die Schritte dazwischen besondere Aufmerksamkeit.
Vier mögliche Verwendungen derselben Zeit
Die erste Möglichkeit ist Entlastung. Ein Arbeitstag kann weniger Nacharbeit enthalten. Eine Aufgabe kann mit geringerer gedanklicher Anstrengung gelingen. Das ist ein legitimes Ziel, auch wenn die Zahl bearbeiteter Vorgänge gleich bleibt. Wer diesen Nutzen verspricht, sollte anschließend danach fragen und überprüfen, ob er bei den Beschäftigten ankommt.
Die zweite Möglichkeit ist zusätzliche Kapazität. Dafür müssen die nachfolgenden Schritte mitwachsen können. Mehr vorbereitete Unterlagen helfen begrenzt, wenn dieselbe Person alle Entscheidungen freigeben muss. In diesem Fall kann die Warteschlange sogar länger werden, obwohl der erste Schritt schneller läuft.
Die dritte Möglichkeit ist bessere Qualität. Frei werdende Zeit kann für sorgfältigere Prüfung, verständlichere Erklärungen oder eine gründlichere Vorbereitung verwendet werden. Dann wäre eine unveränderte Bearbeitungsdauer durchaus mit einem Fortschritt vereinbar. Entscheidend ist, welche Qualitätsverbesserung man erreichen wollte und woran sie erkennbar wird.
Die vierte Möglichkeit ist ein höherer Arbeitsumfang. Sobald zusätzliche Auswertungen und Texte günstig entstehen, kann ihre Menge steigen. Das kann sinnvoll sein. Es kann aber auch mehr Leseaufwand und Abstimmung erzeugen. Die Organisation muss deshalb entscheiden, welche zusätzlichen Ergebnisse eine bessere Entscheidung ermöglichen und welche vor allem weitere Aufmerksamkeit beanspruchen.
Diese Möglichkeiten lassen sich kombinieren. Sie stehen aber teilweise in Konkurrenz. Dieselben zehn Minuten können weder vollständig zur Entlastung noch gleichzeitig vollständig für zusätzliche Aufgaben verwendet werden. Ein Führungsteam sollte diese Verteilung aussprechen, bevor verschiedene Gruppen unterschiedliche Versprechen aus dem Vorhaben ableiten.
Was ich vor einem Versuch festhalten würde
Zuerst würde ich das gewünschte Ergebnis in einem Satz formulieren. Zum Beispiel: Die Vorbereitung einer internen Entscheidung soll einschließlich Prüfung weniger Zeit beanspruchen, bei gleichbleibender Vollständigkeit. Damit ist beschrieben, was beobachtet werden soll. Die bloße Zahl erzeugter Entwürfe wäre dafür zu wenig.
Dann braucht es einen Ausgangswert und eine überschaubare Beobachtung. Wie lange dauert der Vorgang bisher? Welche Fälle sind einfach, welche schwierig? Welche Nacharbeit fällt an? Ein Durchschnitt kann hilfreich sein, solange besondere Problemfälle daneben sichtbar bleiben. Ein System, das bei den meisten Aufgaben wenig spart und bei wenigen viel Zusatzarbeit verursacht, verdient eine genauere Betrachtung.
Das Institute for Healthcare Improvement unterscheidet Ergebnis-, Prozess- und Ausgleichskennzahlen. Letztere fragen nach unerwünschten Folgen an anderer Stelle. Auf unser Beispiel übertragen würde ich den Gesamtaufwand, die tatsächliche Nutzung und die Belastung durch Korrekturen gemeinsam betrachten. Diese Übertragung ist mein Vorschlag für die Einführung von KI. [2]
Außerdem würde ich festlegen, wann aus dem Versuch eine Entscheidung folgt. Wer bewertet das Ergebnis? Welche Veränderung rechtfertigt eine Ausweitung? Welche wiederkehrenden Probleme müssen zuerst gelöst werden? Ohne diese Vereinbarung droht ein Versuch zu einer dauerhaften Zwischenlösung zu werden, deren Nutzen niemand mehr sauber beurteilt.
Auch das eigene Gefühl braucht einen Abgleich
Wie vorsichtig man mit pauschalen Produktivitätsaussagen sein sollte, zeigt die Forschung von METR. In einem Versuch mit erfahrenen Entwickler:innen und Werkzeugen aus dem Frühjahr 2025 dauerte die Arbeit mit KI länger. Die Untersuchung war eng begrenzt. In einer Aktualisierung vom Februar 2026 beschreibt METR veränderte Bedingungen und erhebliche Auswahlprobleme, die neuere Messungen schwer interpretierbar machen. [3] [4]
Für mich liegt darin eine Aufforderung, die eigene Wirkung regelmäßig zu prüfen. Werkzeuge werden besser, Menschen lernen dazu und Aufgaben verändern sich. Ein früher Befund kann veralten. Ebenso kann ein begeisterter erster Eindruck einen Aufwand übersehen, der erst später entsteht.
Die entscheidende Führungsarbeit beginnt deshalb mit einer Vereinbarung über den Nutzen. Wenn Entlastung das Ziel ist, muss sie im Arbeitstag spürbar werden. Wenn mehr Kapazität das Ziel ist, muss sie am Ende des Ablaufs ankommen. Und wenn höhere Qualität das Ziel ist, braucht es eine Vorstellung davon, was dadurch verlässlicher gelingt.
Vor der nächsten Einführung würde ich die Beteiligten diesen Satz gemeinsam vervollständigen lassen: Wenn uns KI Zeit zurückgibt, werden wir sie dafür verwenden. Aus den unterschiedlichen Antworten lässt sich oft schon erkennen, welche Entscheidung noch fehlt.
Quellen und weiterführende Lektüre
- Wie sich Arbeitsmuster durch generative KI verändernMicrosoft Research
Feldexperiment zu Veränderungen individueller Arbeitsmuster durch generative KI, mit begrenzter Übertragbarkeit auf andere Arbeitsumgebungen.
- Ergebnis-, Prozess- und Ausgleichskennzahlen für VerbesserungenInstitute for Healthcare Improvement
Erläutert Ergebnis-, Prozess- und Ausgleichskennzahlen zur Bewertung von Verbesserungen und möglichen Folgen an anderer Stelle.
- Ein Experiment zur Arbeitsgeschwindigkeit erfahrener Entwickler:innenMETR
Randomisierte Untersuchung der Bearbeitungszeit erfahrener Entwickler:innen mit KI-Werkzeugen aus dem Frühjahr 2025 in vertrauten Projekten.
- Warum METR seine Untersuchung zur Produktivität verändertMETR
Beschreibt Auswahl- und Messprobleme der späteren Untersuchung und begrenzt damit die Aussagekraft neuerer Produktivitätsschätzungen.
Perspektive und Interessen
Ich bin Gründer und Geschäftsführer von aiomics. Meine berufliche Perspektive ist durch die Entwicklung und Einführung von KI im Gesundheitswesen geprägt.
Dieser Beitrag wurde mit KI-Unterstützung erarbeitet. Er verbindet die genannten Quellen mit meiner beruflichen Perspektive; beschriebene Beispielsituationen sind als solche gekennzeichnet.


