Auf einen Blick
- Eine gute Leistung mit Hilfsmitteln belegt noch keine selbstständige Kompetenz.
- Die Gestaltung der Lernhilfe gehört zur fachlichen Verantwortung.
- Prüfen Sie ausgewählte Fähigkeiten zeitversetzt und an veränderten Aufgaben.
Stellen wir uns eine interne Fortbildung vor: Eine Teilnehmerin bearbeitet einen schwierigen Fall, nutzt eine KI-Hilfe und präsentiert anschließend eine überzeugende Lösung. Für die Bewertung der Veranstaltung fehlt jetzt eine entscheidende Beobachtung. Was kann sie bei der nächsten, etwas anderen Aufgabe selbst erklären und entscheiden?
Diese Frage betrifft die ärztliche Weiterbildung ebenso wie die Entwicklung von Führungskräften. Wer später Verantwortung übernehmen soll, braucht Gelegenheiten, eine eigene Vorstellung des Problems aufzubauen. KI kann solche Gelegenheiten bereichern. Sie kann aber auch genau die Schritte übernehmen, an denen jemand etwas hätte lernen sollen. Welche Wirkung entsteht, hängt unter anderem davon ab, wie die Hilfe gestaltet und wann sie eingesetzt wird.
Zwei Studien, zwei Lernumgebungen
Bastani und Kolleg:innen untersuchten im Herbst 2023 knapp tausend Schüler:innen einer türkischen Schule bei Mathematikübungen. Eine gewöhnliche GPT-4-Hilfe verbesserte die Übungsleistung, ging jedoch mit einer durchschnittlich 17 Prozent niedrigeren Punktzahl in der unmittelbar anschließenden Prüfung ohne Hilfe einher, relativ zur Kontrollgruppe. Eine didaktisch begrenzte Variante vermied diesen Nachteil weitgehend, zeigte dort aber keinen nachgewiesenen Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe. Die 2025 veröffentlichte Untersuchung umfasst vier Unterrichtseinheiten und prüft keine langfristige Berufskompetenz. [1]
Kestin und Kolleg:innen berichteten 2025 über einen anderen Versuch: Im Herbst 2023 bearbeiteten 194 ausgewertete Studierende eines Harvard-Physikkurses zwei Lerneinheiten in wechselnden Unterrichtsformen. Die sorgfältig vorbereitete KI-Nachhilfe führte zu besseren unmittelbaren Prüfungsergebnissen als der untersuchte aktive Präsenzunterricht. Der Versuch erfasst ausgewählte Inhalte und kurze Lernabschnitte. Er belegt keine allgemeine Überlegenheit gegenüber Lehrenden. [2]
Die Studien sollten weder zu einer gemeinsamen Erfolgsquote verrechnet noch zu einem Urteil über jede Form des Lernens mit KI verdichtet werden. Sie vergleichen unterschiedliche Populationen, Inhalte und Unterrichtsformen. Für die Praxis eröffnen sie eine präzisere Frage: Welche geistige Arbeit übernimmt die Unterstützung, und welche übt die lernende Person tatsächlich selbst?
Das Lernziel gehört vor die Werkzeugwahl
Für eine Organisation würde ich mit einem Satz beginnen: Nach dieser Lerneinheit soll die Person in einer bestimmten Situation eine bestimmte Entscheidung begründen können. Erst danach folgt die Frage, welche Unterstützung sie dabei erhält.
Ein erfundenes Beispiel aus der Weiterbildung von Führungskräften: Ein Team soll eine Vorlage zur Einführung neuer Software beurteilen. Das Lernziel lautet, fehlende Annahmen zu erkennen und eine begründete Rückfrage zu formulieren. Wer der KI sofort den Auftrag gibt, sämtliche Schwächen zu finden, kann einen ausgezeichneten Text erhalten. Ob die Teilnehmenden gelernt haben, eine fehlende Annahme selbst zu erkennen, bleibt dadurch offen.
Eine andere Reihenfolge schafft eine zusätzliche Beobachtung. Zunächst hält jede Person die eigene Entscheidung und eine Unsicherheit fest. Anschließend kann eine erlaubte KI-Hilfe Rückfragen stellen oder einen ausgewählten Hinweis geben. Schließlich bearbeiten die Teilnehmenden einen veränderten Fall. Die Unterschiede zwischen diesen drei Arbeitsergebnissen werden zum Gegenstand der gemeinsamen Besprechung.
Dieser Ablauf ist mein Gestaltungsvorschlag. Die genannten Studien haben seine Wirkung in einem deutschen Führungskräfteseminar nicht geprüft. Seine Stärke liegt zunächst darin, dass er die gewünschte Fähigkeit sichtbar macht und die Wirkung der Hilfe überprüfbar werden lässt.
Die eigene Begründung braucht eine Spur
Wenn nur die letzte Antwort aufbewahrt wird, verschwindet der Weg dorthin. Gerade für Lernzwecke kann eine sehr kleine zusätzliche Dokumentation helfen: die erste Vermutung, der entscheidende Hinweis und die Begründung der endgültigen Entscheidung. Dafür genügen wenige Sätze.
Eine solche Spur sollte dem Lernen dienen. Sie darf nicht stillschweigend zur individuellen Leistungsüberwachung umgewidmet werden. Verantwortliche sollten vorab erklären, wer die Ergebnisse sieht, wie sie besprochen werden und wann sie gelöscht werden. Für gemeinsame Übungen lassen sich erfundene Fälle verwenden, damit weder Patient:innenangaben noch vertrauliche Unternehmensvorgänge in ein Hilfssystem gelangen.
Bei ärztlichen Lerninhalten kommt eine fachliche Verantwortung hinzu. Das Weiterbildungsteam muss Aufgaben, erwartete Überlegungen und zulässige Grenzen festlegen. Ein Sprachmodell kann bei der Formulierung von Übungsmaterial unterstützen, sofern eine geeignete Umgebung vorhanden ist. Die Freigabe der Inhalte und die Beurteilung klinischer Kompetenz bleiben Aufgaben entsprechend qualifizierter Menschen.
Welche Fähigkeiten sollen ohne Hilfe verfügbar bleiben?
Vollständige Unabhängigkeit von jedem Hilfsmittel ist kein sinnvolles allgemeines Ziel. Berufliche Arbeit nutzt Nachschlagewerke, Zusammenarbeit und technische Unterstützung. Die Organisation muss vielmehr bestimmen, welche Fähigkeiten eine Person unmittelbar verfügbar haben sollte und wo sorgfältiges Nachschlagen oder rechtzeitige Hilfe das gewünschte Verhalten ist.
Ich würde diese Entscheidung anhand dreier Fragen vorbereiten. Wie schnell muss jemand reagieren können? Welche Folgen hätte ein falscher erster Schritt? Und woran erkennt die Person, dass sie Unterstützung benötigt? Daraus ergibt sich eine begründete Auswahl der Fähigkeiten, die eigenständig geübt werden sollen.
In einer organisatorischen Übung könnte beispielsweise das Erkennen einer fehlenden Freigabe zum unmittelbar verfügbaren Wissen gehören. Die genaue Zuständigkeit darf anschließend in einer freigegebenen Übersicht nachgesehen werden. Geprüft wird dann, ob jemand den Klärungsbedarf erkennt und den richtigen Weg zur Klärung nutzt. Dadurch wird der Unterschied zwischen angemessener Hilfesuche und unbemerkter Abhängigkeit greifbar.
Die konkrete Grenze hängt vom Beruf und von der Aufgabe ab. Eine allgemeine KI-Fortbildung kann sie vorbereiten, aber keine fachliche Qualifikation bescheinigen. Wer eine solche Qualifikation beurteilt, braucht geeignete Kriterien, genügend Beobachtungen und die dafür erforderliche Verantwortung.
Lernen braucht einen späteren Zeitpunkt
Eine Fortbildung endet organisatorisch oft mit dem letzten Programmpunkt. Für die Frage nach verbleibender Kompetenz ist ein späterer Kontakt hilfreicher. Nach einer vereinbarten Zeit erhält die Gruppe eine kurze neue Aufgabe. Sie muss denselben Grundgedanken anwenden, obwohl sich die Oberfläche des Falls verändert hat.
Der Abstand und die Schwierigkeit sollten zur Fähigkeit passen. Eine spätere Aufgabe darf auch zeigen, dass die erste Einheit nicht ausgereicht hat. Dann ist eine gezielte Wiederholung oder eine andere Erklärung erforderlich. Ein fehlgeschlagener Lernversuch liefert eine Information über die Ausbildung, solange daraus keine vorschnelle Aussage über den Wert einer Person gemacht wird.
Die Teilnehmenden sollten außerdem wissen, wie die spätere Übung mit dem ursprünglichen Lernziel zusammenhängt. Sie sollen erkennen können, was leichter geworden ist, wo sie weiterhin nachschlagen müssen und wann sie Kolleg:innen hinzuziehen würden. So wird der spätere Kontakt auch für sie selbst nützlich.
Für mich folgt daraus eine konkrete Führungsentscheidung: Wer KI für die Weiterbildung einführt, sollte zugleich festlegen, wie selbstständige Kompetenz sichtbar wird. Eine gute Lösung mit Unterstützung ist ein wertvolles Ergebnis. Für die Entwicklung von Fachleuten kommt eine zweite Verantwortung hinzu: Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihre nächste Entscheidung zunehmend selbst verstehen können.
Quellen und weiterführende Lektüre
- Bastani und Kolleg:innen: KI-Hilfen und selbstständiges LernenUniversity of Pennsylvania / PNAS
Das 2025 veröffentlichte Experiment untersucht Mathematikübungen und unmittelbar anschließende Prüfungen an einer türkischen Schule im Herbst 2023. Aussagen über langfristige ärztliche Kompetenz sind daraus nicht ableitbar.
- Kestin und Kolleg:innen: angeleitete KI-Nachhilfe im PhysikunterrichtScientific Reports
Die 2025 veröffentlichte Untersuchung vergleicht zwei Unterrichtsformen bei 194 ausgewerteten Studierenden in einem Harvard-Physikkurs im Herbst 2023. Die Befunde betreffen ausgewählte Lerneinheiten und unmittelbare Prüfleistungen.
Perspektive und Interessen
Dieser Beitrag wurde mit KI-Unterstützung erarbeitet. Die beschriebenen Organisationsbeispiele sind frei erfunden. Die praktischen Vorschläge sind eigene Ableitungen aus den eingegrenzten Quellen.
Ich bin Gründer und Geschäftsführer von aiomics und habe ein wirtschaftliches Interesse an der verantwortlichen Einführung von KI in der Medizin.


